hans und der tägliche Horror
Anmerkungen zur Zeit
Ich wurde auf den Alten aufmerksam, als der, sichtlich nicht mehr ganz nüchtern, am späten Abend seinen einsamen Platz im Raucherraum, dem hier einzigen rauchfreien Rückzuggebiet für Nichtraucher, aufgab und die Marktstuben verließ. Sein Gehen hätte vermutlich niemand bemerkt, da erkennbar keine nähere Bekanntschaft mit den übrigen Gästen bestand, doch die Wirtin, der man diese Behendigkeit bei der Bedienung der Gäste gewünscht hätte, stürzte hinter ihm her und erinnerte Ihn an die Begleichung seiner Rechnung, was ihm sichtlich peinlich war. Ob er das Zahlen absichtlich vergessen hatte, wollen wir mal dahingestellt sein lassen; er brummelte etwas in der Art wie "... sonst zahlt Erika immer, entschuldige bitte, es war bestimmt keine Absicht".
Da er die Sache so nicht auf sich beruhen lassen wollte, kehrte er in die Pinte zurück, schmiss dankenswerterweise für uns eine Thekenrunde, nahm auf einem Barhocker Platz und starrte melancholisch vor sich hin. Der Gesichtsausdruck entsprach seiner ganzen Erscheinung, sowohl seinem etwas derangierten scharzen Anzug mit ebensolcher Krawatte, die er sich lose in die Brillentasche desselben gesteckt hatte wie auch den Flecken in seinem Gesicht, die nicht gerade nach Zukunft aussahen.
Da die übrigen Gäste mehr oder weniger gebannt einem laut blökenden, in einem Atemzug die Reinheit der deutschen Rasse propagierenden und das Lumpenpack von Bayern München verfluchenden fettwanstigen Grossohrhasen zustimmend zuhörten und ich mich nicht in Gedanken über die Dumpfheit der vorderwesterwälderischen Provinz verlieren wollte, suchte ich das Gespräch mit dem sinnend vor sich hinbrütenden Alten.
Wie ich schon vermutete, war er von einer am frühen Nachmittag stattfindenden Beerdigung übriggeblieben. Den Leichenkaffee habe er sich verkniffen, da er sich für Kaffeegesellschaften noch zu jung fühle. Er fühlte sich leider nicht zu jung, mir eine seiner Stimmung gemässe moselfränkische Übersetzung eines Charles-Bukowski-Gedichtes zu liefern, die auch dadurch nicht verständlicher wurde, dass er sich mehrmals verhedderte und hin und wieder an Zungenbrechern wie "Mam" oder "Erd" zu scheitern drohte.
Man hatte Robert beerdigt. Was meinen Gesprächspartner in Melancholie stürzte, war nicht der Tod von Robert, damit war schon länger zu rechnen, Grund dafür war die von ihm registrierte Abkehr der Landbevölkerung von einer Kultur der Trauerarbeit, die sich darin manifestierte, dass nach der Verabschiedung eines Freundes, Vereinskollegen oder guten Bekannten gemeinsam ein Kräftiger zur Brust genommen wurde. So sagte er.
Er wollte wohl eher der Gewissheit Ausdruck geben, dass es bei seiner eigenen, absehbaren Beerdigung auch nicht besser aussehe. Vermutlich hatte er sich schon den ganzen späten Nachmittag und den Abend mit diesem Thema beschäftigt, überlegt, wie das wohl ablaufen möge und ein Szenario zusammengestellt, das ich im Folgenden, soweit es mir in Erinnerung ist, widergebe.

Am Freitag, dem 8. April 2011 morgens um viertelvorfünf gibt Werners Leber auf, eine gute halbe Stunde später Werner selbst. Gegen halbzehn sieht Wollebü Erika in Schwarz, was ihn irritiert und eine Stunde später zu einer telefonischen Nachfrage bei ihr veranlasst. Sie informiert ihn über Werners Hinscheiden, worauf er sich noch kurz bestätigen lassen möchte, dass dies traurige Ereignis keinen Einfluss auf Erikas für eine Woche später geplante Geburtstagsfeier habe, wozu sie sich aber nicht in der Lage sieht und ihn mit Hinweis auf den anstehenden Leichenschmaus vertröstet.
Wollebü ruft Raimund an, der mit seinem leichenwagenähnlichen Mercedes-Bus unterwegs ist. Mit der ihm eigenen Eleganz schnappt der sich mit der rechten Hand das auf dem Beifahrersitz liegende Handy, schaltet gekonnt mit der Linken einen Gang rauf und sieht während des Überfahrens einer rotgeschalteten Ampel nach, wer der Anrufer sei. Keine Kennung angegeben, Pech gehabt, linke Hand zum Schaltknüppel und runterschalten, Handy wieder auf den Beifahrersitz. Ein paar Minuten später eine beredte SMS von Wollebü: "weana+70". Was will der Kerl, überlegt Raimund und ruft, Wollebüs Code gründlich missversthend, seinen Fleischlieferanten an, um seine Bestellung für's TuS-Sportlerheim um 70 Wiener zu erhöhen.
Am Dienstag, dem 12. April 2011 findet nachmittags um 14:30h die Beerdigung statt. Auf Wunsch des Verstorbenen wird auf christlich-katholisches Zubehör wie Kirche, Pfarrer, Kreuz, Beten, Segnung verzichtet. Was allerdings dazu führt, dass die Wenigen, die ihn ausser seiner Familie auf dem letzten Weg begleitet hätten, aufgrund der fehlenden Folklore fernbleiben.
Wollebü hat leider einen unaufschiebbaren Termin im Jägerhof, Raimund sieht beim Kommen gerade noch, wie Werners Familie ins Auto steigt, um den Friedhof zu verlassen.

hans
im Oktober 2010