hans und der tägliche Horror
Gedankensplitter
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Siebenmal mein Körper - von Robert Gernhardt
Mein Körper ist ein schutzlos Ding,
ein Glück, dass er mich hat.
Ich hülle ihn in Tuch und Garn
und mach' ihn täglich satt.

Mein Körper hat es gut bei mir,
ich geb' ihm Brot und Wein.
Er kriegt von beidem nie genug,
und nachher muss er spein.

Mein Körper hält sich nicht an mich,
er tut, was ich nicht darf.
Ich wärme mich an Bild, Wort, Klang,
ihn machen Körper scharf.

Mein Körper macht nur, was er will,
macht Schmutz, Schweiß, Haar und Horn,
ich wasche und beschneide ihn
von hinten und von vorn.
Mein Körper ist voll Unvernunft,
ist gierig, faul und geil.
Täglich geht er mehr kaputt,
ich mach' ihn wieder heil.

Mein Körper kennt nicht Maß noch Dank,
er tut mir manchmal weh.
Ich bring ihn trotzdem übern Berg
und fahr' ihn an die See.

Mein Körper ist so unsozial.
Ich rede, er bleibt stumm.
Ich leb' ein Leben lang für ihn.
Er bringt mich lansam um.

Naja gut, so sieht das eben ein Dichter. Mein Körper ist anders. Er spricht mit mir. Es ist wie in einer Ehe. Der eine spricht; der andere hört nicht zu. Du kennst dieses gesperrt gesprochene "W i r - m ü s s e n - r e d e n" von anderer Seite? Ja, mein Körper kann das auch. Schon seit Wochen versuchte er mich zu stellen, aber meine Fluchtreflexe sind zum Glück gut ausgebildet. Dann, Neujahrsmorgen, nach der ersten Kippe, vor dem ersten Glas, geschwächt durch jahreswechselbedingte flüchtige Überlegungen bezüglich guter Vorsätze und so rückte er mir auf die Pelle:

Er:   W i r - m ü s s e n - r e d e n

Ich:  OK, was liegt an?

Er:  Weißt du eigentlich, wie du mich behandelst? Sieh dir an, was du aus mir gemacht hast: In dreiviertel Jahr 18 kg zugenommen, nach drei Treppenstufen am keuchen, täglich verfalle ich mehr.

Ich:  Naja, so ganz unschuldig bist du ja auch nicht daran. Erinnere mal, was du alles an mein Es herangetragen hast. Nie bekamst du genug. Sieh dir oben das Gedicht von Robert Gernhardt an. So ging es mir auch.

Er:  Ja, genau. Mit Freud musst du anfangen. Es ist nunmal meine Aufgabe, Wünsche gegenüber deinem Es zu äußern; ich würde sonst verhungern. Und mit den von Gernhardt erwähnten Körpern wär auch nix. Aber du hast doch dein vermaledeites Über-Ich, dass dich vor Exzessen warnen soll. Aber mit der Produktion von Schuldgefühlen hat das wohl nicht funktioniert.

Ich:  Was erwartest du eigentlich von mir?

Er:  Ich fass mich kurz, ich sag es kühl: Wenn du dein Leben nicht von grundauf änderst, dann sind wir geschiedene Leute, dann trennen wir uns. Du weißt, dass du ohne mich nichts bist.

Ich:  Was stellst du dir konkret vor?

Er:  Drei Monate Diät, kein Alkohl, jede Woche mindestens 50 km zu Fuß.

Ich:  Au Mann.

Er:  Denk an die Alternative.

Ich:  Einverstanden.

Er:  Wir werden sehen.

Asbach, im Februar 2011
hans