hans und der tägliche Horror
Anmerkungen zur Zeit

Europe DingDongDingDong - Die Türklingel! Schon um 06:30h! So früh habe ich den Zusteller nicht erwartet. Was müssen das noch Zeiten gewesen sein, als das Briefmonopol noch bei der Deutschen Bundespost lag. Wie mir mein Großvater erzählte, gab es kein Wecken durch den Postboten am frühen Morgen, eher in den späten Abendstunden, das aber auch eher selten.

Das hatte ich ganz vergessen. Heute an Silvester gibt es ja die HappyPills für alle, naja, gut, für fast alle. Sie wissen nicht, was ich meine? OK, ich werde es Ihnen später erklären.

Vorher aber noch ein paar Informationen über das heutige Leben. Da ich nicht genau weiß, welche Ausdrücke zu Ihrer Zeit in Gebrauch waren, habe ich zu den wichtigsten Begriffen Links zur Web-Enzyklopädie geschaltet.

Die heutige Gesellschaft unterscheidet sich gravierend von den Gemeinschaften vergangener Generationen, in denen hedonistische Verhaltensweisen vorherrschten. Der Lebensgenuss stand bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts im Vordergrund, wogegen im Prinzip ja auch nichts zu sagen ist. Die Europäische Union konnte hier allerdings nur solange untätig bleiben, bis sie bemerkte, wie sich die hedonistische Lebensweise zusehends negativ auf die Gesundheit des europäischen Volkskörpers auswirkte.

Frühe Warnungen der christlichen Kirchen vor einer Verwilderung der Sitten wurden leider in den Wind geschlagen. Einen Durchbruch erzielten erst die Appelle des Zentralverbandes der Europäischen Arbeitgeberverbände (eine Dachgesellschaft der nationalen Verbänden). Die Kritik des Verbandes richtete sich vor allem gegen Rauchen und Alkohol, da es hier zum einen zu unkontrollierbaren Ausfällen bei den täglichen Arbeitsleistungen des Volkskörpers käme, der unkontrollierte Genuss von Giften zum anderen aber auch zu einem Bodensatz von arbeitsunwilligen Elementen führen würde, was wiederum gesellschaftliche Verwerfungen zur Folge habe.

Erste Maßnahmen erfolgten gegen das Rauchen, am Anfang auf private Initiativen gründet. Dankenswerterweise engagierten sich diese Privaten, indem Sie in der Öffentlichkeit auf ihr natürliches, zu dieser Zeit noch nicht verbrieftes Recht auf Rauchfreiheit pochten und die Volksschädlinge zurechtwiesen.
Vorsicht! Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts untersagte ein Staat nach dem anderen das Rauchen in öffentlichen Gebäuden, Kneipen u.Ä., Behörden, später in Stadien, auf der Straße, öffentlichen Plätzen und Parks. Flankierend hierzu lief eine Kampagne, in der Zigarettenschachteln mit eindrucksvollen Bildern von Raucherkrankheiten bedruckt wurden. Diese Maßnahme wurde zum Vorbild für die spätere Aktion Verhindert unwertes Leben.
Ein Durchbruch bedeutete das generelle Verbot des Rauchens in den 50er Jahren. Der Lobby der Tabakbauern und Tabakdealer gelang es nicht, die Gesetzesmaschinerie aufzuhalten. Ein schönes Beispiel dafür, dass die Lobbyismus-Demokratie sich bewährt, dass eine dem System immanente Automatik die gesellschaftspolitisch richtigen Entscheidungen erkennt, ein Sieg der wahren Demokratie.

Weit problematischer gestaltete sich das Vorgehen gegen den Alkoholismus. Es tobte ein Kampf innerhalb des Systems der Europäischen Union. Welcher Europa-Politiker und welcher Lobbyist gehörte nicht selbst zum Kreis der harten Trinker? Es musste der Schlüssel zu einem Kompromiss gefunden werden, der sowohl die Abgeordneten wie auch die Lobbyisten der Land- wie auch der Alkoholwirtschaft zufriedenstellen würde. Nach zahllosen durchzechten Nächten fand man ihn: Sowohl die Lobby wie auch das Parlament erhielt eine über 10 Jahre gültige Immunität hinsichtlich der Delikte aktiver und passiver Bestechung. Selbstverständlich galt und gilt das Alkoholverbot nicht für diese beiden vorgenannten Berufsgruppen.

Der Volkskörper zeigte sich bezüglich der Alkoholprohibition recht einsichtig, da es jedermann einleuchtete, dass die bis ins 21. Jahrhundert fortschreitende Vormachtstellung der islamischen Völker in den Wissenschaften und der technischen Entwicklung zweifelsohne auf den dort obligatorischen Alkoholverzicht zurückzuführen sind.

Weinlese Opiumernte Die Produkte aus Hopfen und Wein wurden verboten, die Anbauflächen wuchsen allerdings stark an. Wie war das zu erklären? Es handelte sich um einen ähnlichen Effekt, der Anfang des 21. Jahrhunderts nach dem Afghanistankrieg dort bezüglich des Opium-Anbaus festgestellt wurde. Nach Zusammenbruch der nationalen Handelswege in Afghanistan suchte der Handel den Weg in den Export und deckte im Jahre 2007 83% der Opium-Weltproduktion ab.
Zurzeit stellen die europäischen Hopfenbauern 85% und die Winzer 92% des weltweiten Bier- und Weinangebotes. Die Produktionen in außereuropäischen Ländern ist aufgrund gravierender europäischer Qualitätsvorteile so gut wie zum Erliegen gekommen. Die Vermarktung erfolgt fast ausschließlich durch chinesische Firmen, die den Markt beherrschen.

Sieht man sich die Rangfolge des Gefahrenpotentials der Drogen an, gab es für die Europäische Gemeinschaft keine andere Wahl als die des Verbotes.

Bei der allumfassenden Lösung des Drogenproblems kam es leider zu einigen nicht berechneten Kollateralschäden. Hinzu traten nicht bewältigte Altlasten aus der nationalen Sozialpolitik des frühen 21. Jahrhunderts, die ihrer Lösung harrten.
Man erkannte z.B. in Regierungskreisen, dass das europäische Volk nur dann eine Chance zur weiteren wirtschaftlichen Entwicklung habe, wenn man die Zeugung von neuem humanen Leben reglementiere. Der durch verfehlte Politik entstandene Anteil von sozial benachteiligten Mitbürgern musste von der Zeugungsmöglichkeit ausgeschlossen werden, Gedanken, die vor rund 100 Jahren schon die damalige deutsche Ministerin Ursula von der Layen hegte, damit aber nicht an die Öffentlichkeit gehen konnte, da die Zeit hierfür noch nicht reif war.

Lösungen dieses Problems der Zeugungssteuerung waren mit umfangreichen Maßnahmen verbunden. Man durchdachte die Lage nach Lobbyisten-Art gründlich und packte das Problem bei den Wurzeln. Durch eine Beimischung eines von den Konzernen Roche, Novartis und Schering entwickelten Anti-Aphrodisiakums gelang es nicht nur, die Grundlage einer Zeugungssteuerung zu schaffen; ganz nebenbei erreichte man auch eine nicht erwartete Konzentrationssteigerung der männlichen Arbeitskräfte. Zudem fiel das Echo insbesondere der Katholischen Kirche im Sinne des heiligen Augustinus, der ja bekannter weise nicht müde wurde, die Verzückungen fleischlicher Lust zu geißeln, ausgesprochen positiv aus.

Parallel zur Zurücknahme der fleischlichen Lust lizenzierte man den Zeugungsakt, wobei als Zeugungsakt nicht das gemeint ist, was Sie sich vermutlich noch darunter vorstellen. Diese animalischen Restbestände aus der damals noch unkontrollierten Evolution entsprechen nicht mehr dem heutigen Technik. Die zeugungswilligen Paare bekommen einen Termin in einem der Labors des Instituts für humangenetische Fortpflanzung zugeteilt, füllen dort Fragebögen aus und geben Ihre Unterlagen (Arbeitsbescheinigung, Zeugnisse jeder Art, genetische Informationen der vorhergehenden 2 Generationen) ab und begeben sich nach einer amtsärztlichen Untersuchung wieder nach Hause.

Die dem Zeugungsantrag zugrunde liegenden Materialien werden von Genetik-Fachleuten gründlich geprüft. Im schlimmsten Fall wird entschieden, dass der Zeugungsakt unterbleibt, weil unkalkulierbare Risiken in der potentiellen Nachkommenschaft vermutet werden können. Das ist allerdings noch kein Beinbruch, da gegen diese Entscheidung über zwei Instanzen hinweg geklagt werden kann. Wir leben schließlich in einem Rechtsstaat.

Die Lizenzvergabe gegen Bares bietet dem Staat zwei Vorteile: Zum einen können die sozial Benachteiligten von der Zeugung ferngehalten werden, zum anderen können mit den Einnahmen gewisse Unebenheiten in den Chromosom-Strukturen ausgeglichen werden.

Ach ja, die HappyPills hätte ich fast vergessen. Es hat sich gezeigt, dass das Fehlen von Alkohol bei der Bevölkerung, die ja irgendwie auch Wähler (nicht so wichtig wie Lobbyisten, aber immerhin) sind, gerade an diesem Tag zu einem gewissen Unwillen führt. Einen ähnlichen Effekt hatte noch Mitte des 21. Jahrhunderts der Karneval, den man aber erfolgreich durch Kirchentage ersetzen konnte; danach hat sich das Problem in Luft aufgelöst.

Bei den HappyPills handelt es sich um ein Produkt, dass sowohl das sexuelle Lustempfinden (beidgeschlechtlich) stimuliert, eine Empfängnis jedoch verhindert, den Hemmspiegel drastisch senkt, das Aggressionspotential aber (soweit noch vorhanden) auf Null bringt. Es wird eine tolle Silvesterfeier, wie jedes Jahr.

Der Fürsorge der Europäischen Gemeinschaft verdanken wir ein seelisches Gleichgewicht (Ataraxie), wie es sich die alten Griechen immer erträumt haben. Keine Emotion kann uns erreichen, wir haben keine Interessen, sind aufgrund unseres Lebenswandels kerngesund, werden uralt, alle Entscheidungen werden uns vom Staat abgenommen. Mal ehrlich: Gibt es was Schöneres?

hans
im Januar 2010